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Goethe und der Hohentwiel

von Gerhard Braun, Wissenschaftshistoriker

Es war die dritte Schweizer Reise im Herbst 1797, als Goethe in der letzten Etappe vor der Schweiz, genau Schaffhausen und danach Zürich, den Hegau mit der Kutsche durchquerte. Die Region selbst dürfte ihm bisher nicht bekannt gewesen sein, wohl aber der Hohentwiel, den er auf seiner zweiten Reise auf dem Weg von Stein am Rhein ebenfalls nach Schaffhausen im Dezember 1779 wahrscheinlich in der Ferne gesehen hat. Natürlich kannte er diese schicksalsträchtige Festung, die auch im 30jährigen Krieg fünfmal feindlichen Belagerungen unter ihrem Kommandanten Widerholt standhielt, aus den berühmten Länderbeschreibungen und dem Theatrum Europaeum Merians, in dem sich mehrere Kupferstichabbildungen des Hohentwiels befinden. Die große Bibliothek seines Vaters verfügte auch über diese Werke.

Als seine Kutsche am frühen Morgen des 17. Septembers 1797 von Tuttlingen aus den extrem steilen Anstieg zum Witthoh in über 800 m Höhe bewältigt hatte, eröffnete sich an diesem herrlichen Herbsttag ein unvergleichliches Panorama, über das er sich in seinem ausführlichen Reisebericht, aber auch in einem Brief an Schiller ein paar Tage später äußert.

Dass er gerade diese Tagesetappe durch den Hegau ausführlicher als die vorhergehenden beschreibt, zeigt: Gerade diese landschaftlichen Eindrücke waren es ihm wert. An Schiller schreibt er:

„Den 17ten von Tuttlingen auf Schaffhausen. Bei dem schönsten Wetter, fast durchgängig, die interessanteste Gegend…..auf der Höhe fanden wir bald den reinsten Himmel…Indem man die Höhe befährt, welche die Rhein- und Donauregion trennt, hat man eine bedeutende Aussicht…..Besonders aber ist vorwärts der Anblick herrlich; man sieht den Bodensee und die Graubündner Gebürge in der Ferne, näher Hohentwiel und einige andere charakteristische Basaltfelsen. Man fährt durch waldige Hügel und Thäler bis Engen, von wo sich südwärts eine schöne und fruchtbare Fläche öffnet, darauf kommt man Hohentwiel und die andern Berge, die man erst von Ferne sah, vorbei und gelangt endlich in das wohlgebaute und reinliche Schweizerland…“

Auch wenn er in seinem Tagebuch den Hohentwiel mehrfach erwähnt – er lässt ihn tatsächlich links liegen, nachdem er ihn zwischen Weiterdingen und Hilzingen so nah wie noch nie gesehen hat – nach Pferdewechsel und Passkontrolle ging es am selben Nachmittag über Thayngen nach Schaffhausen, wegen des Rheinfalls, den er auf jeder der drei Schweizer Reisen besucht hat. Und so schreibt er auch an Schiller: „Den 18ten widmete ich ganz dem Rheinfall…“

Dort verbrachte er den ganzen Vormittag, ein zweites Mal den Nachmittag bis Sonnenuntergang.

Warum hat Goethe keinen Abstecher auf den Hohentwiel unternommen?
Darauf erhalten wir von dem großen Dichter, der ab 1777 im Herzogtum Sachsen – Weimar nicht nur Minister, sondern auch als Bergrat „mit ganzer Seele in die Mineralogie“ eingetaucht war, keine Antwort.

Es sind seine Interessen, die ihn verraten. Schon auf der 1. Reise bekundet er in einem Brief aus Straßburg (22. Mai1775) an Johanna Fahlmer seine Vorfreude auf den Rheinfall: „Ich geh nach Schaffhausen den Rheinfall zu sehen, mich in die große Idee einzuwickeln.“ Jetzt schreibt er genauer beobachtend als je zuvor über die „gewaltsame Erscheinung“; er schwärmt von diesem Schauspiel, dem einzigartigen Naturphänomen. Genauso wie die Aktivitäten des Vesuvs, den er dreimal bestieg, um diese zu studieren, war es auch hier die agierende Kraft, die Gewalt der Wassermassen, aufbrausende Gischt, Dynamik ohne jemals zu versiegen. Das Toben der Elemente Wasser und Feuer, wie diese auch in seine Dichtung Eingang finden, nicht zuletzt im „Faust“. Gerade erst im Frühsommer 1797 hatte Goethe sich nach längerer Zeit der Fortsetzung dieses Werkes angenommen; er arbeitete, wie Rüdiger Safranski in seiner grandiosen Biografie erwähnt, „an den Portalen, die in den „Faust“ hineinführen“. Und die Gewalt des Wassers, wie Goethe sie nur am Rheinfall erlebt, findet ihren Niederschlag in Fausts Monolog in der ersten Szene des zweiten Teils der Tragödie:

„Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend,
Ihn schau’ ich an mit wachsendem Entzücken.
Von Sturz zu Sturzen wälzt er jetzt in tausend,
Dann abertausend Strömen sich ergießend,
Hoch in die Lüfte Schaum an Schäume sausend.“

Es ist Goethes immer wiederkehrende Kunst des Subsumierens, wie er denn selbst diesen Ausdruck verwendet, die ihm mit eleganter Leichtigkeit die Möglichkeit eröffnet, ständig neue Eindrücke großartiger Bilder, vor allem Schauspiele, wie sie die Natur gerade auf einer Schweizer Reise per se gewährt, für die Gefühlslage eines Menschen, dessen Weltinnenraum, umzuwandeln.

Und schon auf seiner zweiten Schweizer Reise ist er 1779 den großen Naturforschern Jacob Samuel Wyttenbach in Bern, Charles Bonnet, Guillaume-Antoine Deluc und Horace Bénédict Saussure in Genf begegnet, großartigen Wissenschaftlern, die in ihren Erkenntnissen darüber, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, ihn in seinem ureigenen Genie beflügeln, modernes Wissen in eine poetische Form zu gießen. Wohl selten konnte Dichtung und Wahrheit nahtloser ineinander verschmelzen.

Der Hohentwiel aber war, wie die anderen Hegauberge, ein längst erloschener Vulkan, überdies noch von bescheidenen Ausmaßen. Somit konnte er ihm nicht viel bieten; selbst die Aussicht auf die Alpen wäre für Goethe nicht so spannend gewesen, zumal er einen Großteil dieses Eisgebirges schon aus nächster Nähe gesehen hat. Den Gotthard hatte er schon bestiegen, den Mont Blanc aus nächster Nähe gesehen, überall dort die begehrten alpinen Mineralien, die Kristalle, gesammelt, was er noch ausgiebiger auf dieser Reise praktizierte. Goethe wusste auch nicht, dass es sich bei des Herrgotts Kegelspiel um Vulkane handelt, sonst hätte er diesen Begriff verwendet. Damals tobte neben den beginnenden Kriegen der Ära Napoleons unter den Geologen der sog. Basaltstreit, wobei der Basalt entweder als neptunisch, aus dem Wasser gebildet, oder als plutonisch, im vulkanischen Feuer entstanden, betrachtet wurde.

Goethe war bis an sein Lebensende im Lager der Neptunisten zu finden; also war auch der Basalt nicht vulkanischen Ursprungs. Zu Unrecht; längst wissen wir, dass der Basalt zu den vulkanischen Formationen gehört. Was die Hegauvulkane anbelangt, hat sich noch eine Unterscheidung ergeben: Hohentwiel, Hohenkrähen und der Mägdeberg gehören zur Vulkanreihe aus Phonolith oder Klingstein, während die westliche Reihe Hohenstoffeln, Hohenhöwen u.a. hauptsächlich aus Basalt besteht. Somit war Goethes Bezeichnung „Basaltfelsen“ noch vollkommen undifferenziert.

Trotzdem befanden sich in seinem Naturalienkabinett, einer der größten privaten Sammlungen an Mineralien und Fossilien, vier Stücke des honiggelben Natroliths vom Hohentwiel, wie er in dieser schönen Farbgebung sonst nirgends anzutreffen ist. Sogar in der bedeutenden französischen Vulkanismusliteratur wird dieses Zeolithmineral erwähnt, das nach der Analyse des Chemikers Martin Klaproth 1803 seinen endgültigen Namen erhalten hat. Vorher wurde es Högauit genannt! Im riesigen Katalog der Mineraliensammlung Goethes, heute im Nationalmuseum Weimar, steht unter der Nummer 903: „Natrolit aus dem Hoegau“. Wie Goethe zu diesen Stücken gekommen ist, ist nicht bekannt; sehr viele wurden ihm verehrt, noch viel mehr hat er gekauft. Er liebte dieses Reich der Steine und pflegte seine Sammlung bis zum Lebensende.

Auf der Rückfahrt wählte er noch einmal die Schweizer Straße in Richtung Tübingen, schaute sich ein letztes Mal den Rheinfall an und bemerkt am 27. Oktober „Die drei Basaltfelsen Hohentwiel, Hohenkrähen und der dritte bey Engen“. Irgendwie hatte er den Hohentwiel doch nicht aus dem Blickfeld verloren.

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